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GROSSE OPER UND NEUES GEBISS.

GROSSE OPER UND NEUES GEBISS.

Von Ursula.

In meiner Kindheit und Jugend gab es noch jede Menge Dentisten. Und genau bei so einem landete ich damals an einem Wochenende, mit großen Zahnschmerzen.

„Das muss raus“, war der lapidare Kommentar, des ergrauten Herren in Weiß. Ein Praline-Hefterl zum Ablenken und eine Stunde später hatte ich sechs Zähne weniger….

Da war ich 18 Jahre alt.

Die nächsten Jahrzehnte versuchte ich meine optisch sehr schönen, aber extrem anfälligen Zähne zu schützen, zu pflegen, zu erhalten. Der Erfolg war bescheiden. Es brach eine Wurzel, es brach ein Schneidezahn, ich biss irrtümlicherweise statt in den Salat, auf einen darunter verborgenen Stein, ich bekam Kronen, Wurzelbehandlungen…die Zähne begannen zu wackeln. Ich getraute mich kaum zu kauen, nirgendwo mehr abzubeißen und ich begann mich schlau zu machen.

Inzwischen haben einige meiner Freunde Implantate, Brücken, Kronen oder falsche Gebisse und Teilprothesen.

Super, letzteres war wie ein Alptraum. Herausnehmbar, womöglich noch im Glas! Undenkbar!

Also hielt ich mich an die Geschichten der Implantat-Erfahrenen. Und die waren so unterschiedlich, wie ich es schon gar nicht leiden kann. Die einen erzählten von einer zweijährigen Prozedur, die anderen von misslungenen Eingriffen, die nächsten von Kosten, die ich nicht mal für eine Weltreise ausgeben würde.

Und dann kam Sylvia, meine Uralt-Freundin aus Wien. Eine Frau der Tat und der makellosen Zähne. Kurzerhand vereinbarte sie einen Termin bei „Ihrem“ Spezialisten, „Ihrem“ Implantologen.

Ordination Dr. Festenburg, Termin 20.00 Uhr abends. Er kam, der Doktor – jedoch erst um 22.00 Uhr. Beschwingt, irgendwie auch polternd, lachend, Geschichten erzählend über dies und das, Gott und der Welt.

Ein sympathisch-dynamischer Typ, der dann eben auch noch meinen Mund inspizierte und meinte, ich könnte bereits am übernächsten Tag kommen, denn die Zähne würden es sowieso nicht mehr lange machen.

Oh Gott – neben meiner großen Angst überzeugte mich das Argument vom Doktor, das alles in allem in ca. einem halben Jahr erledigt wäre. Inclusive Knochenaufbau, eingewachsener Implantate und: NEUER ZÄHNE!!!!!

Tag 3: Nach übermäßigen Alkoholgenuss und einer Henkersmahlzeit am Vorabend kam ich sehr kleinlaut zum vereinbarten Morgen-Termin in die Ordination. Ab in den OP, alles steril – no na, kühl, grün, chrom und dann: ein reizender älterer Herr, seines Zeichens Anästhesist, der sich um mich kümmerte, und irgendwas zur Beruhigung spritzte, dachte ich.

Dr. Festenburg kam – verkleidet wie ein Marsmännchen, mit eigenartigen Lupenbrillen und kaum erkennbar.

Er wünschte sich von seiner Assistentin: große Oper!

Über Lautsprecher erschallte – was weiß ich was für Oper – groß war sie in jedem Fall und laut. Der Dottore sang mit. Und gar nicht so schlecht.

Und schon begann er mit der OP.

Entgegen meinem Protest, ich sei doch noch gar nicht anästhesiert, hellwach und außerdem….

Mein Einwand wurde mit einem milden Lächeln abgetan. Etwas später wollte ich mich ob seines mittlerweile falschen Gesangs beschweren, das ging jedoch nicht, ich war inzwischen zahnlos – hatte davon aber nichts mitbekommen. Ja, genauso wirkt eine Schlummernarkose. Man glaubt zwar wach zu sein – aber in Wirklichkeit dämmert man vor sich hin.

Die restliche Zeit verging wie im Flug und nach zwei Stunden stand Sylvia da um mich abzuholen.

Etwas weidwund, aber mit stabilem Kreislauf, ausgestattet mit Schmerzmitteln und einem Folgetermin für die nächsten Tage, fuhren wir zu ihr nach Hause und ich kroch ins Bett. Wo ich auch die folgenden 5 Tage verbrachte um mich zu bedauern und wieder abzuschwellen.

Meine eigene Mutter hätte mich nicht wiedererkannt, so entstellt war ich. Die Schmerzen jedoch hielten sich in Grenzen.

Wie versprochen, hatte ich 6 Monate später meine tollen, schönen, neuen Zähne.

Damit es zu keinem Missverständnis kommt, in dieser Zeit war ich natürlich mit einem – gar nicht so unhübschem – Provisorium ausgestattet.

Und mittlerweile habe ich noch zwei zusätzliche Implantate von meinem Zahndoktor der Herzen erhalten.

Aber dieses mal sang er Leonhard Cohen.


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