Movie-Star, oh Movie-Star…

Foto: Lauren Bacall und Humphrey Bogart

Die warme Jahreszeit machte mich schon immer unternehmungslustig.

Nachdem ich „Frau mit Tagesfreizeit“ bin, beschloss ich in diesem Sommer beim Film anzuheuern.

 

Und welch Zufall!

Es wurden nämlich dringend Statisten für einen Krimi der in Salzburg gedreht wurde, gesucht.

Von Ursula

Die ganze Welt ist Bühne

Nachdem ich selbst eine Werbeagentur hatte, kenne ich das Film-Metier ein wenig. Zumindest von den paar Werbe-Clips die wir im Laufe der Jahre drehten.

Auch die Schauspieler amüsierten mich schon immer, die sich als Sprecher für Rundfunk-Spots gutes Geld verdienten und die ich sehr oft buchte.

Meist kamen sie – äußerst aufgeräumt und überbordend vor guter Laune – ins Tonstudio.

Denn, nicht zu vergessen: die ganze Welt ist Bühne!

 

Aber der Film, ja meine Lieben, der Film ist nun doch noch mal was ganz anderes.

Die Hoffnung entdeckt zu werden

Denn bereits in der untersten Hierarchie, bei den Statisten, denen ich nun auch angehörte, bemerkte ich schon rasch das vermeintlich „Besondere“, das „Außergewöhnliche“, das „Andere“.

 

Keiner der Komparsen war mehr der Hans oder Franz, die Lotte oder die Ruth. Jeder schlüpfte in eine, in „seine“ ihm zugesprochene Rolle. Und war auf einmal wer ganz anderes, spielte „jemanden Besonderen“, hatte mit seinem persönlichen Alltag, seinem persönlichen Leben, auf einmal nichts mehr zu tun.

 

Hier gab es Regie, Beleuchtung, Maske, Garderobe, Skript – eine neue „Anders-Welt“ und vielleicht, ja vielleicht eine winzige, klein winzige Sprech-Rolle, auf die man insgeheim schon lange hoffte.

Und wenn schon keine extra-Sprech-Rollen-Würsteln, dann wenigsten eine lange Kameraeinstellung, die hoffentlich genau auf ihn, den Statisten XY gerichtet war.

Und vielleicht noch die Anweisung des Regie-Assistenten, wenn schon eine sprachlose Statisten-Rolle, dann aber besonders nebensächlich zu schauen. Das würde Statist XY doch schaffen, oder?

 

Nun, immerhin, auch zum nebensächlich schauen braucht man Talent.

Und dann erst das Catering, das mehrmals am Tag geliefert wurde. Nur für uns!

 

Die Schauspieler hatten nämlich ihr eigenes.

 

Vermutlich aus gutem Grund. Denn meine Freundin Andrea, die aus der Filmproduktion kommt, sagte mir, als ich ihr von meiner neuen Karriere erzählte:

„Oh Gott, diese Statisten, – wir haben sie gehasst. Sie waren immer die ersten am Buffet und haben alles leer gefressen, sodass für die Crew nichts übrig blieb!“

 

Nun gut. Davon wollte ich gar nicht berichten.

Die Statisten-Profis

Ich lernte die eigenartigsten Menschen kennen. So zum Beispiel ein altes Ehepaar, das ihre Pension seit Jahren mit Statistenjobs aufbesserte. Sie waren in ihrem Auftreten und Erscheinen derart „professionell“, dass ich anfänglich vermutete, sie besetzen eine Hauptrolle.

Als aber der Mann ununterbrochen mit Fotos herumwedelte, auf denen er in seiner letzten Statisten-Rolle abgebildet war und sie unaufgefordert jedem unter die Nase hielt, auch während des Drehs, war schon klar, dass der Wunsch Vater des Gedankens und er von einem Hauptdarsteller weit entfernt war.

Wobei, er war so huldvoll und über den Wolken schwebend, dass ihm tatsächlich ein paar frischgefangene Statisten-Neuankömmlinge auf den Leim gingen und um ein Autogramm fragten, dass er ihnen auch gnädig gewährte.

Statisten-Job versus Psychiater-Alltag

Der nächste interessante Statist war ein Psychiater.

Wir spielten ein Pärchen und mussten Händchen haltend durchs Bild marschieren.

Wie aufregend!

Zumindest für meinen Partner, der durchgehend feuchte Hände hatte.

Auf die Frage hin, warum er da mitmache, erzählte er voller Inbrunst, dass er das sooooo spannend fände, inzwischen selbst Schauspiel-Unterricht nehme und tatsächlich daran glaubte, auch einmal entdeckt zu werden.

Mir war nicht ganz klar, was es denn da zu entdecken gab. Denn durchs Bild zu marschieren und Händchen zu halten war ja nun wirklich nicht der Brüller.

Aber vielleicht entging mir da was.

Er war ja nett, mein Partner, aber irgendwie auch schräg. Denn er erzählte mir weiter, dass er, nur um Komparse zu sein, auch seine Klienten-Termine absage. Und damit immerhin jede Menge Geld in den Sand setzte.

Denn: die Gage für einen Komparsen Tag beträgt Eur 50,-!

Und so ein Tag kann auch 12 Stunden dauern.

Im Vergleich dazu kostet vermutlich eine Stunde beim Psychiater Eur 100,-?!?

Wie auch immer, ich war überrascht und zwar sehr.

Aber wer weiß, vielleicht wird mein Film-Partner doch noch mal entdeckt.

Vor lauter Wald den Baum nicht sehen

Sehr witzig waren einige Studenten, die sich mit dem Eur 50,- – Job ihren Lebensunterhalt aufbesserten.

Sie waren besonders aufmerksam und einige zeichneten sich durch eine besondere Beobachtungsgabe aus.

So bemerkten sie beispielsweise, dass einer der Hauptscheinwerfer schon seit 20 Minuten nicht mehr brannte. Die Beleuchter – in ihrem Job unendlich wichtig und ständig aufgescheucht herumwuselnd – merkten das gar nicht. Denn sie waren überaus beschäftigt, sich ständig untereinander Anweisungen zu geben – hierarchisch versteht sich – und von A nach B zu laufen, Kabeln zu richten, Handzeichen zu geben und gewichtig ja oder nein zu nicken und zu deuten.

Umso leiser waren sie, als sie auf das seit längerer Zeit nicht mehr brennende Licht hingewiesen wurden.

Maske, Kostüm, Friseur

Für uns Statisten gab es eine lässige, seit Jahrzehnten in ihrem Beruf etablierte 72-jährige Maskenbildnerin. Stoisch und unbeeindruckt schminkte und frisierte sie bis zu 50 Statisten, einen nach dem anderen. Ab und zu nahm sie einen Schluck aus der Wasserflasche um dann wieder weiterzuarbeiten. Stunde um Stunde.

 

Für die Hauptdarsteller war das ein wenig anders.

 

Die hatten ihre eigene Mannschaft. Eigene Maske, eigenen Friseur, eigene Garderobiere.

Kaum war der Hauptdarsteller aufgetaucht, erschienen sie, wie aus dem Nichts und frisierten, puderten, bürsteten die Kleidung.

Aber auch alle anderen waren um ihn herum, Ton- und Lichtleute, diverse Assistenten, Skript-Verantwortliche, Set-Koordinatoren. Und alle waren per Du, lächelten, führten Schmäh, fanden jeden Witz des Schauspielers besonders lustig, lachten über seine Gesten, seine Mimik, die Betonung der gesprochenen Sätze…

Und gleich wieder, nach 10-15 Minuten begann das Spiel von vorne. Er wurde gestriegelt, gepudert, geschminkt, frisiert…

 

Ich versuchte nur irgendeine glänzende Stelle auf der Stirne zu finden, nur irgendein wegstehendes Kopfhaar, eine einzelne Schuppe am Kragen. Nichts, rein gar nichts. Und trotzdem – wie von Zauberhand – tauchten sie wieder und wieder auf und betüddelten den Hauptdarsteller. Der es gerne und generös über sich ergehen ließ.

So ein Hauptdarsteller ist schon der Nabel der Welt…

Und dann – ich sah mich in die Kolonialzeit zurückversetzt – tauchten zwei weitere Gestalten auf – zückten ihre Fächer und, ja, wirklich, wahrhaftig: einer links, einer rechts wedelten sie dem Schauspieler Frischluft zu.

Völlig selbstverständlich, wie wenn das ein täglich normaler Akt zwischenmenschlichem Commitments wäre.

 

 

Ich war sprachlos.

 

Vor lauter überbordender Aufgeregt- und Wichtigkeit übersahen sie jedoch alle mitsammen drei große rote Flecke auf der Gesäßtasche des Hauptdarstellers.

„In jedem Fall sind die im Film zu sehen“, dachte ich.

Und machte ihn darauf aufmerksam.

Er bedankte sich höflich und winkte seine Entourage heran. Äußerst beflissen und sehr beeindruckt, ob dieser frechen, auf der Hose doch nichts verlorenen Flecken, machte sich das Team nun an die Arbeit, diese schnellstmöglich zu entfernen.

 

Und wieder beschlich mich das Gefühl, dass diese unbegründete Nervosität und Aufregung, diese künstliche Wichtigkeit der einzelnen Crew-Mitglieder den Blick vom Wesentlichen ablenkte und völlig unnötig war.

 

Zu guter Letzt blieben die beiden Fächer unbemerkt neben dem Hauptdarsteller liegen und wiederum sprach ich ihn an, um ihn auch darauf aufmerksam zu machen.

 

Dieses mal hatte ich das Gefühl, dass ich ihm bereits auf die Nerven ging, mit meinen Hinweisen und er tat sie auch ab, mit dem Kommentar, dass man die Fächer sowieso nicht im Bild zu sehen bekam.

 

Von wegen!

 

Nach der zweiten abgedrehten Kameraeinstellung kam der Regisseur – übrigens neben dem Kameramann der einzig Unaufgeregte im ganzen Team – und meinte: „alles nochmals, denn im Bild sind zwei Fächer zu sehen“.

Was tun mit der prallen Komparsen-Gage?

Nach 12 langen Stunden war mein Komparsenjob für diesen Tag erledigt.

 

Nachdem wir bereits am frühen Morgen um 7 Uhr in der Altstadt von Salzburg erscheinen mussten, mit einem großen, schweren Koffer voll mit Kleidern und

es natürlich keine Parkplätze gab, war ich mit dem Taxi angereist.

 

Und nun, nach 12 Stunden, war ich hundemüde und froh, gleich ein Taxi zu ergattern, dass mich nach Hause brachte.

 

Somit war meine fette Gage von Eur 50,- für die Taxifahrten aufgebraucht.

Und ich grinse immer noch, wenn ich an den sehr amüsanten Tag meiner einzigartigen Filmkarriere denke.

 

 

Der Film wird übrigens im Jahr 2018 ausgestrahlt. Ich gebe Euch rechtzeitig Bescheid.


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