SPÄTE LIEBE.

Gleich vorweg: es gibt Hoffnung!
Zumindest für alle, die nicht freiwillig Single sind.

Von Ursula.

Auch wenn die Liebe oder das Verliebt sein meist jung, frisch und unbeschwert dargestellt wird, ist es dennoch eine Tatsache, dass 46,5 % der Österreicher und die Hälfte der Deutschen und Schweizer über 45 sind, somit nicht mehr ganz taufrisch und trotzdem sehr beziehungswillig.

 

„Kein Alter“ – sagen die meisten – und meinen das auch so. Denn Umfragen zufolge fühlen sich europaweit die Menschen um einiges jünger, als sie tatsächlich sind. Und das hört nicht auf. Wir treiben jegliche Art von Sport, sind neugierig, aktiv, reisen und gehen nach wie vor Beziehungen ein. Auch im Kopf bleiben die Vorstellungen, Wünsche und Sehnsüchte erhalten, wenngleich der Zahn der Zeit ein wenig nagt und die Libido etwas nachlässt.

Wie erklärt sich dann, frage ich mich, dass ich seit Jahren alleine bin. Und einige meiner Freundinnen, die ebenso gerne wie ich einen Partner hätten und das ewige: „Mir reichen meine Freundinnen“-Dasein sofort durch ein „ich bin heute Abend mit meinem Freund“ ersetzen würden, wäre er nur schon da, der Mann, mit dem man endlich eine reife, erwachsene, empathische und tolerante Beziehung führen könnte.

Ja genau, das Alter hat auch unvorhergesehene Vorteile: Wir sind reifer geworden, haben uns weiter entwickelt und die oberflächlichen Ansprüche der Jugend, wo sich viel um Karriere, Aussehen, Geld, Renommee und Vergnügen dreht, sind den wahren, echten Werten gewichen.

Doch ist das wirklich so? Beim letzten Mädels-Treffen (wir waren zu fünft und brachten stolze 280 Jahre zusammen!) erklärte meine Freundin Mona, dass der auf Hochglanz polierte Mercedes, mit dem sie von ihrem langjährigen Verehrer abgeholt und zum Essen ausgeführt wird, wirklich ein spießiges No-Go sei, während Johanna kopfschüttelnd von ihrem letzten Lover berichtete, der, wie sich später herausstellte, eine Domina wollte und am liebsten ihr Leibsklave geworden wäre. „Eh klar“ schallte es von allen Seiten des Tisches, „wir haben Dir doch gleich gesagt, dass der ein Perverser ist, mit seiner geschorenen Glatze und dem arroganten Gesichtsausdruck!“. Wir wussten eben wieder einmal im Voraus, was unsere Freundin zu erwarten hatte. Die Weisheiten, warum jemand auf Grund seiner Glatze pervers sein soll, haben wir uns vom französischen Psychoanalytiker Jacques Lacan geliehen. Den zwar keine von uns so wirklich versteht, aber wir gerne daraus zitieren.

Auch ich erzählte von meinem 5-stündigen Date, das sich zwar gut anließ, jedoch nur bis zu dem Zeitpunkt, als der äußerst sympathische End-50iger von seinem Doktorat in technischer Physik und irgendwelchen weiteren akademischen Graden berichtete. Während er so vor sich hin plauderte, beschloss ich, dass wir gar nicht zusammen passen können, da ich doch immer nur große Männer mag und er mit seinen 1,74 m viel zu klein für mich wäre. Ein interessanter und von mir nie hinterfragter Anspruch, bei meinen eigenen 1,60m.

Alle hatten wir Gründe parat, warum es nicht funktionieren konnte. Von wegen Toleranz und wahren Werten!

Bei genauerer Betrachtung weiß ich, dass Freundin Mona den Mercedes-Fahrer eigentlich sehr attraktiv und begehrenswert findet. Sie betreut jedoch in ihrer spärlichen Freizeit ihre Enkelkinder und die drei erwachsenen Töchter sind sehr präsent, so dass ihr kaum Zeit zum Luft holen und schon gar nicht für sich selbst bleibt. Naja – und der Verehrer hat auch einen Schönheitsfehler: er ist seit 40 Jahren verheiratet.

Johanna hingegen ist eine dominante, selbstbewusste Frau, die jedoch bei dem Begriff „Domina“ zusammenzuckt, da sie sich in dieser Rolle einfach nicht gerne sieht und ein anderes Bild von sich wahrnimmt.

Und ich selbst? Sind große Männer denn wirklich so ausschlaggebend für eine Beziehung? Blödsinn, natürlich nicht! Meine früheren großen Männer haben mir lediglich Fußschmerzen und einen bleibenden Hallux auf Grund zu hoher Absätze beschert. Die Doktorate waren es, die bei mir sofort eine geheime Schublade öffneten, in der ich gut versteckt das letzte Quäntchen Minderwertigkeitsgefühl abgelegt hatte. Und ein Stimmchen meldete sich: „Was willst denn du mit einem sooo klugen Mann? Ohne eigenen akademischen Grad und einer viel zu schlechten Allgemeinbildung?“

Und schon schrumpfte der Auserwählte zum optischen Laufmeter. Weitere Dates ausgeschlossen.

Es ist an der Zeit, dass wir bei uns selbst nachschauen, um die vorgegebene Toleranz und vermeintliche Reife etwas näher unter die Lupe zu nehmen. Denn unsere Ansprüche sind im Alter weder kleiner geworden, noch haben sich lebenslange Verhaltens-Muster und Intoleranz aufgelöst. Und so erklärt sich, warum es dann oft doch nicht passt, wenn wir einen Partner finden. Aber das ist nur ein Teil der Wahrheit.

Meine Freundin Mona erklärt sich die schwierige Partnersuche damit, dass es in unserem Alter weniger Männer und proportional mehr Frauen gibt. Klingt logisch, stimmt aber nicht.

Die Statistik beweist, dass im Alter von 15 bis unter 60 Jahren das Verhältnis zwischen Männern und Frauen weitgehend ausgeglichen ist. (Frauenanteil: 49,7%). Erst mit steigendem Lebensalter verändert sich durch die höhere Lebenserwartung der Frauen die Geschlechterproportion.

So lag der Frauenanteil in Österreich 2014 bei den über 60-jährigen bei 56,1%. Eine Zahl, die keinen Grund zur Besorgnis gibt. Denn ein Teil dieser statistisch erfassten Frauen sind bereits Witwen und nicht bereit, eine neue Verbindung einzugehen. Und nicht zu vergessen, die große Anzahl der freiwilligen, glücklichen und überzeugten weiblichen Singles.

Noch dazu steigt die Zahl der älter werdenden Männer, da die von Kriegsverlusten unversehrt gebliebene Männergeneration bereits ins höhere Alter vorrückt und die Lebenserwartung pro Jahrzehnt durchschnittlich um 2 Jahre mehr wird.

Wo, bitteschön, sind sie dann, die Männer, die zu uns passen?

In unserer 280 Lebensjahre zählenden Tischrunde gab es immerhin noch Ute und Margit, erste seit vielen Jahren verheiratet, zweite in langjähriger Beziehung lebend. Und beide haben ihre Partner über ein Internet-Portal kennen gelernt.

Umfragen zufolge hat das Internet seit Beginn der 2010er Jahre alle anderen möglichen Kennenlern-Schauplätze in der Altersgruppe der über 50-jährigen Singles überholt. Fast 60 Prozent der Älteren gehen online auf Suche nach einer neuen Liebe und freuen sich über die sonst nie da gewesene Auswahl an potentiellen Partnern. Natürlich gehört dazu ein wenig Mut und Ausdauer. Denn – meinen beiden Freundinnen zufolge – fanden sie ihr Glück erst nach etlichen Dates und einigen unangenehmen Überraschungen. Kurz bevor beide aufgeben wollten, war er da, der Mann, der nach vielen Jahren immer noch ihre große Liebe ist.

Wer trotz erfolgversprechenden Aussichten ungern im Netzt chattet, dem bleibt zumindest noch der Klassiker, den ältere Singles schon immer nutzen. Man sucht nicht nach neuen Menschen, sondern greift auf Altbewährtes zurück: den Freunden und Bekannten aus der Jugend, den Wegbegleitern vergangener Jahre, vertraut und trotzdem neu.

Die Chance, auch im Alter sein Liebesglück zu finden ist groß. Ob es nun im Freundeskreis, beim Kuraufenthalt oder im Partnerchat ist, die Möglichkeiten sind da, wir müssen sie nur nutzen. „Aktiv werden“ lautet das Zauberwort. Raus aus den vier Wänden, der Komfortzone, dem Schneckenhaus-Dasein, weg mit den vielen Ausreden und auf ins nächste Abenteuer. Denn dort erwartet uns vielleicht das späte Liebesglück!


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