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Warten auf MILVA

Warten auf MILVA

aus der Reihe „Liebesgeschichten“ – heute eine Erzählung über einen Freund.

Von Ursula.

Mein Freund Robert auf Brautschau.

Mein Freund Robert erzählte mir eine lustige Geschichte, die er erlebte, als er vor 20 Jahren auf Brautschau ging.

 

Und die möchte ich euch auf keinen Fall vorenthalten.

 

Ende der 90er Jahre gab es noch keine Dating-Plattformen. Es war aber überaus gebräuchlich in der Zeitung eine „Heiratsannonce“ zu schalten.

 

Robert – schon einige Zeit geschieden – wollte nicht mehr alleine sein und kaufte den Samstags-Kurier.

Und siehe da, unter „Heirat und Bekanntschaften“, fand er ein Inserat, dass seine ganze Aufmerksamkeit anzog.

Schon das erste Inserat: ein VOLLTREFFER!

Sie, eine große, gut geformte Schönheit, mit feuerrotem langen Haar, grünen Augen und im besten, attraktiven Alter, suchte „Ihn“, ihren Traummann.

Groß sollte er sein, gebildet, dunkelhaarig, braun gebrannt. Und: heiratswillig.

Nachdem man im Leben nicht alles haben kann, so dachte zumindest Robert, ignorierte er den letzten Satz und fand, dass alles andere absolut auf ihn zuträfe.

Und die Vorstellung, vielleicht schon bald einer rothaarigen Schönheit gegenüberzustehen, ließ ihn sofort zur Feder greifen.

Binnen kürzester Zeit erhielt er Antwort und die Telefonnummer der heiratswilligen Dame.

Alles, was sie ihm schrieb, aber vor allem wie sie sich beschrieb, zauberte ein Bild vor sein geistiges Auge, dass frappante Ähnlichkeit mit Milva hatte.

Robert, der Glückspilz

Milva, eine heißblütige, rothaarige, italienische Sängerin, die Robert seit seiner Jugend kannte und verehrte – war zwar mittlerweile auch schon in die Jahre gekommen, versinnbildlichte jedoch nach wie vor das perfekte Bild der Femme fatale: Üppige Kurven, sinnliches Lächeln, ein tolles Dekollete und verführerische Blick …

 

Und schon bald, ja ganz bald, am Wochenende sollte er nun so einer ähnlichen Traumfrau gegenüber sitzen.

Sie telefonierten, lange, intensiv und vereinbarten ein Treffen im Türkenschanzpark.

Das erste Treffen war an eine Bedingung geknüpft

Eine einzige Bedingung stellte sie, seine „Milva“.

 

 

 

Sie wollte seine Zustimmung, dass sie ihn sobald er sich zu ihr auf die Bank gesellte, küssen dürfte.

 

„Es sei ihr ein Blind Date so unangenehm“, erklärte sie mit erotisch-verrauchter Stimme „und auch die Tatsache, dass genau das andere Parkbesucher bemerken könnten“.

Sie wollte den Eindruck erwecken, hier  einfach auf ihren Freund oder Mann oder Geliebten zu warten, den sie eben, sobald er kam, freudig würde küssen wollen..

Wie ihr euch vorstellen könnt, kam diese „Bedingung“ Robert sehr gelegen.

Denn was gab es Besseres, als gleich all das vorweg zu nehmen, was man unter Umständen in mühsamer Ausgeh-, Einladungs-, Wiedertreff-Rantast-Arbeit erst aufbauen musste.

So kam er ganz von selbst zum ersten Zwischenziel, wie toll war das denn!

 

Und Robert ist sowieso ein wenig bequem!

 

Somit war der Deal perfekt, alles lief wie geschmiert.

Und sie kommt net, kommt net, kommt net…

Der Samstag kam, Robert warf sich in die Schale und spazierte zum Türkenschanzpark.

Doch, soweit sein Auge auch reichte, Milva war nirgendwo zu sehen.

Einzig und allein eine nicht mehr ganz junge, dicke, ja sehr dicke Frau saß auf einer Bank.

Die rötlichen Hare zu einem mageren Rattenschwänzchen zusammengebunden.

 

 

Die altmodische Handtasche mit beiden Händen fest auf ihrem Schoß haltend und die schmalen Äuglein suchend nach links und rechts gewandt.

Die meisten Bänke waren schon belegt und so nahm Robert schräg gegenüber Platz.

Er bemerkte, dass die dicke, ja sehr dicke Frau immer wieder zu ihm herüberschaute. Schweiß stand ihr auf der Stirn und sie zupfte alle paar Sekunden nervös ihr zeltartiges, grünes Kleid zurecht.

 

Nein, das konnte doch nicht sein!

Ihn beschlich großes Unbehagen und eine fürchterliche Vermutung:

War denn das vielleicht sein Date?

Nein und wieder nein. Die dicke Frau hatte nichts rein gar nichts von der Beschreibung seiner Milva.

Einzig und allein die Henna-rot-gefärbten Haare und, – ach ja, das Erkennungszeichen, das grüne Kleid!

Aber wer würde denn ein so falsches Bild von sich abgeben?

Das war doch nicht möglich!

Somit blieb Robert sitzen und wartete, denn Milva hatte sich vermutlich ganz einfach nur verspätet.

Die unerwartete Rettung naht…

Während er sich so im Park umschaute, spazierte ein großer, junger, dunkelhaariger Mann daher.

Auch er schaute sich suchend um, vermutlich um irgendwo einen Platz auf einer Bank zu ergattern.

Freundlich nickte er der dicken Frau zu und fragte ob denn neben ihr noch frei sei.

Noch bevor er wusste wie ihm geschah, geschweige denn eine Antwort bekam, stürzte sich die Wohlbeleibte hennarote, grüngekleidete Frau auf ihn und küsste ihn auf Mund, die Wangen, den Mund und wieder und wieder und wieder.

Robert sprang auf und lief auf und davon, er konnte sich vor Lachen nicht mehr halten und wusste, das war sie gewesen, seine Milva.

 

Was aus den beiden auf der Parkbank geworden ist, weiß nun keiner.

Aber Robert hat einige Jahre später meine Freundin Marlene geheiratet.

 

Sie haben sich auch über ein Inserat kennen gelernt, aber Marlene hat blonde Haare und wollte sich auf keinen Fall im Türkenschanzpark treffen.

 


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